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Die Frau in der bildenden Kunst – Thema der 10. Kul-Tour für Teneveranerinnen

Entdeckten und erlebten bisher Bewohnerinnen und Bewohner Tenevers auf den Kul-Touren (WiN-Projekt) europäische Kunst, Musik, Architektur, Gestaltungs- und Lebensstile an Beispielen in Bremen, so kam dieses Mal „die Kunst zu uns“. Es wurde damit gleichzeitig ein Versprechen der Kunsthalle bei einem Kul-Tour – Besuch der Teneveraner eingelöst, während der Sanierung und Erweiterung ihres Gebäudes „mit den Werken in die Welt der Freunde zu gehen“.

„Maria in Demut“ heißt das erste Bild, das vorgestellt wurde, vor dem schon andere Bewohnerinnen Tenevers bei der 2. Kul-Tour in der Kunsthalle staunend davor standen und diskutierten: ein Modonnen- und Andachtsbild von Musolino, vor 600 Jahren entstanden, die Kirche war der Auftraggeber. Maria, die Madonna im „marinefarbenen blauen Gewand“, wie die Teilnehmerinnen es beschrieben,“ mit dem Jesuskind auf dem Arm, das Kind stehend auf dem linken Bein der Mutter, der Arm der Mutter liegt um den Arm des Kindes – eine innige Verbindung zwischen Mutter und Kind, nur das Kind selbst schaut scharf den Betrachter an“.
„Es entsteht sofort eine Beziehung“sagt ein Bewohnerin aus dem Libanon.
„Das Blau war die teuerste Farbe, war wertvoller als Gold, war ein zu Pigment geriebener, zermahlener Lapislazuli, ein Stein aus Afghanistan mit besonderer Leuchtkraft, der über das Meer durch Tauschgeschäfte der Künstler nach Deutschland kam“. Deshalb heißt die Farbe „ultra – marin“ d.h.“ über das Meer “war zu erfahren – eine afghanische Bewohnerin war darauf etwas stolz.
Die „Quellnymphe" von Lucas Cranach entstand 1537 in eigener Werkstatt, in der 12 Künstler beschäftigt waren; sie arbeiteten mit Schablonen wie in einem „modernen Betrieb“.
Die Bilder ließen sich gut verkaufen, konnten mit den Schablonen „kopiert“ werden, so gab es z. B. 28 Variationen davon. Das Motiv ist eine seitlich liegende nackte Frau, scheinbar schlafend bei näherem Hinsehen leicht verhüllt mit einer Gaze und am Kopf ein leichter roter Schleier. „Man hält Abstand, geht näher ran, man geht noch näher ran, kommt immer dichter, dann auf einmal schaut man ihr in die Augen, leicht geöffnet, man fühlt sich ertappt. Sie ist hübsch, sie ist gefährlich, sie hat alles gesehen – eine weltliche Frau“.
Es kommt oft vor, so Rainer Kosubeck, dass Eltern für ihre Kinder und Schüler, z.B. in der GSO, nicht die Erlaubnis geben, in der Kunsthalle das Bild zu sehen und sich damit auseinanderzu-setzen.
Für die Künstler im europäischen Raum spielte in den folgenden Jahrhunderten die Darstellung der Wirklichkeit eine Rolle, man wollte wissen, was hinter der „Jacke“, den Dingen steckte. Dafür ist Paula Modersohn-Becker ein Beispiel: an ihrem „Selbtstbildnis vor grünem Hintergrund“ 1905, unterscheidet sie sich grundsätzlich von den Künstlern, auch ihrer Zeit. Zusammen erarbeiten die Teilnehmerinnen aus 12 Nationen (z.B. aus Osteuropa, Russland, arabische Länder, Afghanistan, Sri Lanka) das Andere“.
„Das Bild ist flächig, der Körper ist einfach nur Körper, sie malt sich vor dem Spiegel, denke ich, da ist dann nur noch die Wand mit Vorhang und Schwertlilien". Ihre weibliche Kunst unterscheidet sich: über die andere Sinnlichkeit, hat große staunende Augen, zeigt Offenheit, ist neugierig, ist interessiert, wirkt traurig, sie will einen Zustand zeigen, etwas mitteilen.“ Paula Modersohn-Becker ist gerade 29 Jahre alt, als sie das Bild malte, sie hatte eine akademische Ausbildung, in Berlin und Paris, lebte und arbeitete als einzige Malerin in Worpswede bei Bremen, war mit dem Maler Otto Modersohn verheiratet – aber die Welt hier war ihr zu eng geworden – sie wollte weg! „Man fühlt, dass sie traurig ist, das Bild ist großartig“, sagt eine Bewohnerin mit arabischem kulturellem Hintergrund.
Picassos „Sylvette“, 1954 entstanden, auch eine Ikone, idealisiert, in aktueller Mode, mit Pferdeschwanz ganz en vogue, Vorbild für Kino und Theaterwelt, eine Art Brigitte Bardot. Das Bild bleibt vielen Frauen in der Gruppe fremd.
Monets „Camille“ indessen wirkt mondän als Bild : eine Frau, chique angezogen, eine moderne Pariserin, die noch einmal kurz zurückblickt, weggeht, in stolzer Haltung, zeigt eine Offenheit, auch für die Frau.
Es wurde über die Bilder gesprochen, die Geschichte, die eigene Wahrnehmung, Frauenbilder als Spiegelbilder europäischer Kultur.
Die Einführung in die Thematik. der gesamte Stoff war eine Quelle der Inspiration, denn in den Herkunftsländern sind solche Darstellungen "undenkbar", sagte eine Migrantin aus Somalia; ebenso in der muslimischen Kultur. Auch für die Frauen aus Russland und Kasachstan war die Auseinandersetzung mit Kunst neu. Portraits vor dem Spiegel? "Ich werde es auch mal versuchen" sagte eine junge Aussiedlerin. Die Debatte fand vorsichtig statt, aber es war noch großer Diskussionsbedarf in den eigenen Kulturen - dieser Diskurs findet unmittelbar weiter in den einzelnen Sprachgruppen und im Deutsch-Sprachunterricht vor Ort statt. Wie hieß es zum Abschied? "Im nächsten Jahr, im Mai 2011 sehen wir uns wieder in der sanierten, neuen Kunsthalle - da werden wir Bewohnerinnen Tenevers dabei sein – das steht schon heute fest, ist doch klar.“ (matu)


 
Internationale Bewohnerinnen Diskussion um weibliche Kunst Marienbild von Muolino vor 600 Jahren
 
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