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129. Sitzung der Stadtteilgruppe diskutierte Kinderarmut: Stadtteilgruppe

Kinderarmut ist ein gesellschaftlicher Skandal
Schüler/innen des SZ Walliser Straße informierten Stadtteilgruppe Tenever

Es war ein besonderer Auftakt für die rund 90 BesucherInnen der Stadteilgruppensitzung Tenever am vergangenen Mittwoch:
Vier SchülerInnen des SZ Walliser Straße stellten der Stadtteilgruppe Tenever gemeinsam mit ihrem Lehrer Wolfram Stein die Ergebnisse ihrer im letzten Jahr erarbeiteten Untersuchungen zur Kinderarmut in Deutschland vor- und trafen den Nerv der Anwesenden: "Mir fehlen die Worte - ich bin tief erschüttert" - sagte Erika Habekost, Vorsitzende der Nachbarschaft Bultenweg, nach der fast einstündigen Präsentation der Schüler.
"Arm ist laut Bundesregierung, wer als allein stehende Person weniger als 938 € im Monat zur Verfügung hat".
Insbesondere Kinder sind betroffen: In Bremen leben über 25% aller Kinder unter Armutsbedingungen, im Ortsteil Tenever fast jedes zweite Kind.
Was das für das tägliche (Über)leben heißt, haben die SchülerInnen in beeindruckender Weise untersucht: Sie haben die Regelsätze des Arbeitslosengeldes II (Hartz IV) unter die Lupe genommen und versucht, damit ein "normales" Schülerleben zu führen. Sie sind einkaufen gegangen, haben Preise verglichen und erschütternde Ergebnisse zu Tage gefördert. Ein Kind muss sich laut Regelsatz von 2,62€ pro Tag ernähren. Wenn die Kosten für das Mittagessen in der Schulmensa davon abgezogen werden, bleiben gerade noch 1,10 € für Frühstück, Abendessen und Zwischenmahlzeiten übrig. Davon konnten die Schüler gerade zwei Brötchen und zwei Scheiben Käse kaufen, als Getränk blieb nur Leitungswasser. Gesunde Ernährung ist Luxus.
Nun könnte man denken, dass an anderer Stelle gespart werden könne: weit gefehlt. In allen anderen "Gütergruppen" (z.B. Verkehr, Freizeit, Kultur, Sport, Bildung, Verkehr, Schreibwaren) sieht es genau so aus. Das Geld reicht nicht einmal für den nötigsten Bedarf aus, Sparen völlig ausgeschlossen.
Für Bus und Bahn sind im Monat nur 10,87 € vorgesehen, ein Schülermonatsticket kostet aber 28,20€. Selbst für ein gebrauchtes Fahrrad muss ein Jugendlicher sechs Jahre lang sparen. Es ist ein Armutszeugnis, das die Jugendlichen dem Regelsatzmodell ausstellen: Bildungschancen bleiben auf der Strecke. Bücher, Zeitschriften, Schreibwaren, Nachhilfe- oder Musikunterricht, Museen oder Mitgliedschaften in Vereinen sind unbezahlbar.
Mit diesen aufrüttelnden Fakten haben die engagierten Schüler bereits Politiker konfrontiert - und fühlten sich nicht verstanden. Anders auf der Stadtteilgruppensitzung. "Was mir hier so gut gefällt, ist, dass Sie menschlich reagieren", fasste Schüler Christian Abelmann am Ende der Diskussion zusammen. Neben tiefer Betroffenheit und Wut über die Verhältnisse in einem Land, in dem neben der Armut gleichzeitig auch der Reichtum ansteigt gab es vor allem viel Lob für das sozialpolitische Engagement der Schüler. Hieran möchte auch die Stadtteilgruppe anknüpfen. "Dieses Thema muss viel stärker in der Öffentlichkeit diskutiert werden" war das einhellige Fazit der Runde, in der sich neben BewohnerInnen verschiedener Nationalitäten auch Vertreter des öffentlichen Dienstes, der Gewoba, der Politik und sozialer Einrichtungen mit den Belangen des Quartiers befassen.
Deshalb werden die Arbeiten der Schüler/innen (auch als Broschüre vorliegend) ab 27.02. in der Galerie von Quartier e.V. und Projektgruppe Tenever in der Neuwieder Str. 44a ausgestellt.
Auch der Arbeitskreis Tenever, ein Zusammenschluss aller sozialer Einrichtungen im Quartier, wird sich im Rahmen eines Klausurtages mit der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung in Arm und Reich auseinander setzen. Für Empörung sorgten in der Runde vor dem Hintergrund der Analysen der Schüler die aktuellen Entwicklungen in der Bremischen Kinderbetreuungspolitik: Auch Geringverdiener sollen künftig höhere Kindergartengebühren zahlen. Und Kinder von erwerbslosen Eltern haben keinen Anspruch mehr auf Ferienbetreuung im Rahmen der Ganztagsgrundschulen: auch hierfür, z.B. Museumsbesuche oder Ausreisen in dieser Zeit, muss künftig gezahlt werden. Wovon, ist die Frage.

Unter dem Tagesordnungspunkt "Aktuelles" wurde die Stadtteilgruppe mit einem weiteren brisanten Thema konfrontiert: eine große Zahl Jugendlicher war gekommen, um für ein Bleiberecht und v.a. eine Arbeitserlaubnis ihres von Abschiebung bedrohten Freundes einzutreten.
Außerdem sprach sich die Stadtteilgruppe einmütig dafür aus, dass die Meldestelle Osterholz erhalten wird bzw. zumindest eine Bürgerservice-Agentur beim Ortsamt.

Baumfällarbeiten im großen Stil rund um den Bultensee und den Kinderbauernhof Tenever hatten auf der vergangenen Sitzung für Aufregung gesorgt. Herr Wagner von Stadtgrün stand deshalb Rede und Antwort. "Sie nehmen uns den Sauerstoff weg" - war die Hauptanklage der Anwohner. "Die Bäume waren alt und morsch - armdicke Äste sind bereits abgebrochen - und glücklicherweise nur auf ein parkendes Auto gestürzt" berichtete Herr Wagner und auch der Kop Herr Gerken. Um größere Schäden zu verhindern, seinen die Pappeln gefällt worden und bereits neue Eschen gepflanzt worden.

Im weiteren Verlauf der Sitzung wurden fünf neue WiN- und Soziale Stadt Projekte diskutiert und beschlossen. So erhielt die Selbstorganisation Jugendlicher (in Kooperation mit der DRK-Jugendhütte Hahnekamp 7.996,-€ zur Fortführung ihres fast ausschließlich ehrenamtlich betriebenen Fitnessraums. Sportlich wird es auch beim Tanzbattle "Dance to be Nr.1" zugehen: die von Jugendlichen organisierte Veranstaltung, an der verschiedene Rap- und Hip-Hop- Tanzgruppen am 25.03.06 in der Halle für Bewegung ihr tänzerisches Können messen werden, erhielt 1099,-€. Die Renaturierung des Embser Mühlengrabens kann fortgesetzt werden. Von der AG Jugend wird, unterstützt durch WiN-Mittel, ein Stadtteilkonzept für die Jugendarbeit in Osterholz erarbeitet, und das internationale Frauenfest der AG Frauen Tenever am 08. März kann ebenfalls stattfinden.

Die nächste Sitzung der Stadtteilgruppe Tenever findet statt am 29.März um 18:00 Uhr im Horthaus St. Petri.

 

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